Maria Goretti - Heilige und Märtyrerin

Gemälde der heiligen Maria Goretti (1890–1902)
Gemälde der heiligen Maria Goretti (1890–1902)
Die hl. Maria Goretti war ein Mädchen, dem der Geist Gottes den Mut verliehen hat, bis zum höchsten Opfer ihres Lebens der christlichen Berufung treu zu bleiben. Ihr jugendliches Alter, der Mangel an Schulbildung und die ärmlichen Verhältnisse, in denen sie lebte, hinderten die Gnade nicht daran, ihre Wunder an ihr erkennbar werden zu lassen. Im Gegenteil, vor allem unter diesen Umständen zeigt sich deutlich die Vorliebe Gottes für bescheidene, demütige Menschen. Es fallen uns die Worte Jesu ein, mit denen er den himmlischen Vater preist, der sich den Unmündigen geoffenbart hat, wohingegen er den Weisen und Klugen verborgen bleibt (vgl. Mt 11, 25).
— JOHANNES PAUL II. AN BISCHOF AGOSTINO VALLINI, ANLÄßLICH DES 100. TODESTAGES DER HL. MARIA GORETTI
Restauriertes Foto der heiligen Maria Goretti (1890–1902)

Foto von Maria Goretti - freigestellt und digital modifiziert

Maria (Marietta) Goretti (1890–1902)

Maria Goretti, genannt Marietta, wurde am 16. Oktober 1890 in Corinaldo bei Ancona als Tochter von Luigi Goretti und Assunta Carlini geboren. Sie war das dritte von sieben Kindern einer armen Bauernfamilie; ihr ältester Bruder Antonio war bereits im Kleinkindalter gestorben. Ihre Geschwister waren Antonio, Angelo, Mariano (auch Marino), Alessandro, genannt Sandrino, Ersilia und Teresa.

1896 zog die Familie zunächst nach Colle Gianturco bei Paliano, 1899 dann weiter nach Le Ferriere südlich von Rom bei Nettuno. Dort hatte sie neues Land gepachtet und musste unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen ihren Lebensunterhalt durch Feldarbeit bestreiten. Zusammen mit der Familie des Witwers Giovanni Serenelli und dessen Sohn Alessandro bewohnten die Gorettis das Gehöft „La Cascina Antica“ und bewirtschafteten das Land gemeinsam. Im folgenden Jahr, am 6. Mai 1900, starb Mariettas Vater an Malaria.

Von da an übernahm Marietta, obwohl selbst noch ein Kind, einen großen Teil der Sorge für ihre jüngeren Geschwister und den Haushalt, während ihre Mutter und die älteren Geschwister auf dem Feld arbeiteten. Trotz der Armut der Familie bereitete sie sich mit großem Ernst auf die Erstkommunion vor, die sie am 29. Mai 1902 empfing. Da die Familie die dafür nötige Ausstattung kaum bezahlen konnte, sollen Nachbarn einzelne Teile beigesteuert haben.

Der zwanzigjährige Alessandro Serenelli begann, der elfjährigen Marietta wiederholt nachzustellen und sie sexuell zu bedrängen. Maria wies seine Annäherungen zurück. Nach späteren Aussagen hatte Alessandro sie bereits zuvor bedroht, weshalb sie zunächst niemandem von den Vorfällen erzählte.

Am 5. Juli 1902, während die übrigen Familienmitglieder auf dem Feld arbeiteten, versuchte Alessandro erneut, Maria zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Als sie sich widersetzte, verletzte er sie mit einem langen Pfriem durch zahlreiche Stiche schwer. In den Quellen ist gewöhnlich von vierzehn Stichverletzungen die Rede; einzelne Darstellungen berichten von weiteren Stichen, als Maria noch zur Tür zu fliehen versuchte. Der Überlieferung zufolge warnte sie Alessandro während des Angriffs vor der Sünde und ihren Folgen. Die häufig zitierte Formulierung „Das ist Sünde, Alessandro, du kommst in die Hölle“ ist allerdings in verschiedenen Fassungen überliefert und sollte daher nicht als stenographisch gesichertes Wortprotokoll verstanden werden.

Maria wurde in das Krankenhaus Orsenigo in Nettuno gebracht und dort notoperiert. Da eine Narkose wegen ihres Zustands als zu gefährlich angesehen wurde, musste der Eingriff ohne Betäubung vorgenommen werden. Ihre Verletzungen waren jedoch tödlich. In ihrer Aussage gegenüber den Behörden berichtete sie auch von früheren Annäherungsversuchen und Drohungen Alessandros.

Am folgenden Tag, dem 6. Juli 1902, empfing sie die Sterbesakramente. Auf die Frage, ob sie Alessandro vergebe, erklärte sie sinngemäß: „Ich verzeihe ihm, ich will ihn bei mir im Paradies haben.“ Wenig später starb sie im Alter von elf Jahren.

Alessandro Serenelli wurde wegen Mordes zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt; aufgrund seiner Minderjährigkeit wurde die Strafe auf dreißig Jahre herabgesetzt. Bei der Beurteilung seiner Persönlichkeit spielten auch seine schwierigen familiären Verhältnisse eine Rolle. Die gelegentlich verbreitete Behauptung, eine Fürbitte von Mariettas Mutter habe ihn vor der Todesstrafe bewahrt, ist historisch nicht haltbar: Die Todesstrafe für gewöhnliche Verbrechen war im Königreich Italien bereits mit dem Strafgesetzbuch von 1889 abgeschafft worden.

Während seiner Haft zeigte Alessandro zunächst wenig Reue. Der Überlieferung zufolge setzte einige Jahre später ein innerer Wandel ein, bei dem auch ein Besuch des Bischofs Giovanni Blandini eine Rolle gespielt haben soll. Besonders bekannt wurde die Erzählung von einem Traum, in dem ihm Marietta erschien und Blumen bzw. Lilien reichte. Die Einzelheiten dieses Traumes sind in unterschiedlichen Fassungen überliefert und gehören stärker zur späteren hagiographischen Tradition als zu den sicher belegbaren Ereignissen.

Nach etwa 27 Jahren Haft wurde Alessandro Ende der 1920er Jahre vorzeitig entlassen. Anschließend suchte er Assunta Goretti auf und bat sie um Vergebung. Sie gewährte sie ihm mit dem Hinweis, wenn ihre Tochter ihm vergeben habe, könne auch sie ihm die Vergebung nicht verweigern. Beide besuchten danach gemeinsam die Messe und empfingen die Kommunion. Alessandro verehrte Maria fortan als Heilige und soll täglich zu ihr gebetet haben. Später schloss er sich dem franziskanischen Dritten Orden an und lebte schließlich bei den Kapuzinern, wo er als Gärtner und Pförtner tätig war. Er starb 1970 im Alter von 87 Jahren im Kapuzinerkloster von Macerata.

Die Verehrung Maria Gorettis verbreitete sich rasch, wobei insbesondere die Passionisten zu ihren Förderern gehörten. In der kirchlichen Deutung stand ihr Tod im Zeichen des Martyriums für die christliche Reinheit, zugleich gewann ihre Vergebung gegenüber ihrem Mörder eine zentrale Bedeutung.

Am 27. April 1947 wurde Maria Goretti von Papst Pius XII. seliggesprochen. Ihre Mutter Assunta nahm an der Feier teil – ein außergewöhnlicher Vorgang, da sie die Seligsprechung ihrer eigenen Tochter erlebte. Pius XII. soll sie mit den Worten begrüßt haben: „Selige Mutter, glückliche Mutter, Mutter einer Seligen!“ Über die Anwesenheit Alessandro Serenellis bei der Seligsprechung finden sich widersprüchliche Angaben. Während einige ältere bzw. hagiographische Darstellungen seine Teilnahme behaupten, gehen andere biographische Darstellungen davon aus, dass er weder an der Selig- noch an der Heiligsprechung teilnahm, um durch seine Anwesenheit nicht von Maria abzulenken.

Die Heiligsprechung erfolgte am 24. Juni 1950 wiederum durch Pius XII. auf dem Petersplatz im Beisein von Mariettas Mutter und einer außergewöhnlich großen Menschenmenge. Zeitgenössische Angaben sprechen von mehreren hunderttausend Gläubigen; Pius XII. selbst hob hervor, dass keine frühere Kanonisierung einen vergleichbaren Zustrom erlebt habe. Wegen des großen Andrangs wurde die Feier auf dem Petersplatz abgehalten und stellte damit auch hinsichtlich ihrer äußeren Form ein außergewöhnliches Ereignis dar. Der Papst bezeichnete Maria Goretti als „die heilige Agnes des 20. Jahrhunderts“.

Maria Goretti zählt zu den jüngsten kanonisierten Heiligen der katholischen Kirche. Ihr liturgischer Gedenktag ist ihr Todestag, der 6. Juli; 1969 wurde er in den römischen Generalkalender aufgenommen. Sie gilt unter anderem als Patronin der Jugend und wird besonders im Zusammenhang mit sexueller Gewalt, Keuschheit und Vergebung angerufen.

Ihre sterblichen Überreste ruhen im Santuario di Nostra Signora delle Grazie e di Santa Maria Goretti in Nettuno. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung handelt es sich nicht um einen unverwest erhaltenen Leib. Die Gebeine befinden sich in einer Wachsfigur, die in einem Glasschrein zur Verehrung ausgestellt ist.

Einordnung: Kritik und Erwiderung

Die traditionelle Bezeichnung Maria Gorettis als „Märtyrerin der Reinheit“ bzw. „Märtyrerin der Jungfräulichkeit“ ist in jüngerer Zeit verstärkt Gegenstand theologischer Kritik geworden. In einem Beitrag auf katholisch.de vom 6. Juli 2026 argumentierten die Theologinnen Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber von der Universität Regensburg, diese Kategorie sei „nicht länger haltbar“. Sie wenden sich dabei nicht gegen Maria Goretti selbst oder gegen ihre Heiligkeit, sondern gegen eine bestimmte Form ihrer hagiographischen und pastoralen Deutung.

Nach Ansicht der Autorinnen besteht die Gefahr, dass die traditionelle Erzählung den Blick vom Täter und dessen Verantwortung auf das Verhalten des Opfers verschiebt. Problematisch sei insbesondere eine Verbindung von Jungfräulichkeit und moralischer „Reinheit“, wenn dadurch der Eindruck entstehen könne, ein Opfer sexueller Gewalt verliere durch die erzwungene Handlung seine Reinheit oder müsse sich körperlich bis zum Äußersten wehren, um seine Unschuld zu bewahren. Eine solche Vorstellung könne zu einer Täter-Opfer-Umkehr beitragen.

Die Autorinnen verweisen dabei unter anderem auf Alessandro Serenellis eigene Rechtfertigungsversuche sowie auf konkrete Erfahrungen von Missbrauchsbetroffenen. In einem im Missbrauchsgutachten des Bistums Fulda dokumentierten Fall zwang ein Täter sein Opfer, „die Maria Goretti [zu] spielen, wie sie sich wehrt“. Eine andere Betroffene berichtete von Schuldgefühlen, weil sie – gemessen an dem ihr vermittelten Vorbild Maria Gorettis – ihre „Unschuld nicht aufs Äußerste verteidigt“ habe. Als theologisches Gegenmodell ziehen die Autorinnen Augustinus heran, der bereits in der Spätantike nachdrücklich betonte, dass eine gegen den Willen erlittene Vergewaltigung die Keuschheit eines Menschen nicht aufhebt: Die moralische Schuld liegt beim Täter, nicht beim Opfer.

Verteidiger der traditionellen Deutung widersprechen allerdings dem Schluss, die Verehrung Maria Gorettis müsse deshalb grundsätzlich als problematisch gelten. Der katholische Publizist Thomas V. Mirus etwa betont, Maria Gorettis sittliche Entscheidung dürfe nicht auf die Sekunden des gewaltsamen Angriffs reduziert werden. Alessandro Serenelli hatte ihr bereits zuvor wiederholt nachgestellt. Marietta habe seine Annäherungen über einen längeren Zeitraum hinweg freiwillig und ohne Gewalt zurückgewiesen. Ihre Entscheidung sei deshalb zunächst als bewusste sittliche Haltung zu verstehen und nicht als Forderung an Opfer, sich während einer Vergewaltigung körperlich bis zum Tod zu verteidigen.

Entscheidend ist dabei die Unterscheidung zwischen freiwilligem Handeln und einer unter physischem Zwang erlittenen Handlung. Auch nach traditioneller katholischer Moraltheologie verliert ein Opfer sexueller Gewalt durch eine gegen seinen Willen vollzogene Tat weder seine sittliche Reinheit noch trägt es Schuld an der Handlung des Täters. Maria Gorettis Verehrung muss daher nicht bedeuten, dass ein Missbrauchs- oder Vergewaltigungsopfer verpflichtet wäre, sein Leben durch körperliche Gegenwehr aufs Spiel zu setzen.

Johannes Paul II. hielt in seiner Botschaft zum 100. Todestag Maria Gorettis im Jahr 2002 ausdrücklich an der traditionellen Deutung der Heiligen als Märtyrerin der Reinheit fest. Zugleich hob er ihre Vergebung gegenüber ihrem Mörder als eine „geistliche und soziale Botschaft von außerordentlicher Bedeutung“ hervor. Ihre Lebensgeschichte stellte er damit nicht allein in den Zusammenhang sexueller Reinheit, sondern ebenso in jenen von Barmherzigkeit, Versöhnung und der Würde des Menschen. Gegenüber einer Kultur, welche die „Körperlichkeit überbewertet“, sah er in Maria Goretti ein Zeugnis für eine Freiheit, die sich an sittlichen Überzeugungen orientiert.

Die Kontroverse betrifft somit weniger die Frage nach der persönlichen Heiligkeit Maria Gorettis als diejenige, wie ihre Geschichte erzählt und pastoral verwendet werden soll. Die Kritikerinnen sehen bereits in der überlieferten Reinheits- und Jungfräulichkeitsrhetorik die Gefahr einer problematischen Fixierung auf das Verhalten des Opfers und weisen insbesondere auf deren mögliche Auswirkungen auf Betroffene sexueller Gewalt hin. Verteidiger betonen dagegen Maria Gorettis freiwillige sittliche Entscheidungen vor der Tat und vor allem ihre Vergebung nach der Tat als eigentlichen Schlüssel zu ihrer Verehrung.

Unberührt von diesem Interpretationskonflikt bleibt, dass die Verantwortung für Alessandro Serenellis Gewalttat allein bei ihm lag. Auch die traditionelle kirchliche Lehre schreibt einem Opfer sexueller Gewalt keine moralische Schuld für eine gegen seinen Willen erlittene Handlung zu.

Quellen: Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse, „Santa Maria Goretti“; Johannes Paul II., Botschaft an Bischof Andrea Maria Erba zum 100. Todestag der hl. Maria Goretti, 8. Juli 2002, vatican.vaPius XII., Ansprache und Predigt anlässlich der Heiligsprechung Maria Gorettis, 24. Juni 1950; Dizionario Biografico degli Italiani/Treccani, „Santa Maria Goretti“; L’Osservatore Romano, Beiträge zu Maria Goretti; Vatican News, „St. Maria Goretti, Virgin and Martyr“; Ökumenisches Heiligenlexikon, „Maria Goretti“; deutsche und englische Wikipedia-Artikel „Maria Goretti“ (für einzelne Überlieferungsvarianten und weiterführende Literatur); Philippa Haase, Judith König und Ute Leimgruber, „Maria Goretti als Märtyrerin der Reinheit? Zeit für eine Intervention“, katholisch.de, 6. Juli 2026, katholisch.de; Thomas V. Mirus, „Defending St. Maria Goretti’s title ‘martyr of purity’“, Catholic Culture.

Lebensdaten

  • Geburt: 16.10.1890 in der Gegend von Pregiagna bei Corinaldo

  • Taufe: 17.10.1890 in der Pfarrkirche zu Corinaldo

  • Firmung: 4.10.1896 in Corinaldo

  • Erstkommunion: 29.5.1902 in Conca (Borgo Montello)

  • Tödliche Verletzung: 5.7.1902 in Le Ferriere

  • Tod: 6.7.1902 in Nettuno

  • Grablegung: 8.7.1902 in Nettuno

  • Erhebung der Gebeine: 26.1.1929

  • Seligsprechung: 27.4.1947

  • Heiligsprechung: 24.6.1950

Den Spuren des göttlichen Meisters zu folgen, erfordert immer eine radikale Entscheidung für Ihn. Wir müssen uns verpflichten, Ihm zu folgen, wohin er auch gehen mag (vgl. Offb 14, 4). Doch die Jugendlichen wissen, daß sie auf diesem Weg nicht allein sind. Die hl. Maria Goretti und die zahlreichen Jugendlichen, die im Lauf der Jahrhunderte ihre Treue zum Evangelium mit dem Martyrium bezahlt haben, stehen an ihrer Seite und vermitteln jene innere Kraft, die ihnen erlaubt, standhaft zu bleiben.
— JOHANNES PAUL II. AN BISCHOF AGOSTINO VALLINI, ANLÄßLICH DES 100. TODESTAGES DER HL. MARIA GORETTI
Artikel zu Maria Goretti auf Wikipedia
Artikel zu Maria Goretti im Heiligenlexikon
Buch zu Maria Goretti im Miriam-Verlag