Maria Gorettis Charakter – lebhaft, mutig und von tiefer Güte

Bei Maria Goretti besteht leicht die Gefahr, ihr ganzes Leben von ihrem gewaltsamen Tod her zu betrachten. Dadurch kann das Bild eines stillen, beinahe weltfremden Kindes entstehen. Die Erinnerungen ihrer Familie und anderer Zeitzeugen zeichnen jedoch ein lebendigeres Bild. Maria war kein schwächliches oder passives Mädchen. Ihre Mutter Assunta beschrieb sie als ein sehr lebhaftes Kind. Sie hatte Temperament – und zugleich hatte sie früh gelernt, dieses Temperament zu beherrschen.

Lebhaft und zugleich zurückhaltend

Innerhalb der Familie war Maria offen und vertraut. Assunta berichtete, ihre Tochter habe sich ihr gegenüber ausgesprochen und auch zu einer befreundeten Frau Vertrauen gehabt. Außerhalb dieses engen Kreises dagegen war sie eher zurückhaltend. Kindheitsbekannte erinnerten sich daran, dass sie zwar spielte, aber auch scheu war. Sie hielt sich nicht unnötig auf der Straße auf und suchte keine besondere Vertraulichkeit mit Fremden.

Diese Zurückhaltung darf jedoch nicht mit Ängstlichkeit verwechselt werden. Maria konnte ausgesprochen mutig und entschlossen sein. Eine dafür überlieferte kleine Begebenheit betrifft ihre Mutter, die große Angst vor Schlangen hatte. Maria ging deshalb bei der Arbeit auf den Feldern mit einem Stock voraus, um Schlangen aufzuschrecken und zu vertreiben. In einer ausführlicheren Überlieferung wird sogar erzählt, dass sie selbst gegen eine Schlange vorging.

Diese Seite ihres Charakters hilft auch, ihr Verhalten gegenüber Alessandro Serenelli besser zu verstehen. Ihre Gegenwehr am 5. Juli 1902 war nicht plötzlich das Verhalten eines zuvor völlig passiven Kindes. Maria konnte sich behaupten, wenn es darauf ankam. Ihre Entschlossenheit in der entscheidenden Situation entsprach durchaus einem Charakterzug, der sich schon vorher gezeigt hatte.

Gehorsam – aber nicht willenlos

Besonders eindrücklich sind die Erinnerungen Assuntas an den Gehorsam ihrer Tochter. Sie sagte über Maria sinngemäß, sie habe ihr immer, wirklich immer gehorcht. Maria half nicht nur selbstverständlich im Haushalt, sondern ermahnte auch ihre Geschwister, wenn diese der Mutter Sorgen bereiteten.

Bemerkenswert ist dabei eine andere Erinnerung Assuntas. Unter der Last der Arbeit und ihrer Sorgen habe sie Maria gelegentlich zu Unrecht gescholten und mehr von ihr verlangt, als angemessen gewesen sei. Maria verteidigte sich dann nicht und wurde ihrer Mutter nicht böse. Sie nahm den Tadel ruhig hin und setzte ihre Arbeit fort. Assunta erinnerte sich später mit Bedauern daran.

Darin zeigt sich eine für Maria charakteristische Verbindung: Sie war durchaus willensstark, wenn sie etwas für richtig oder notwendig hielt, suchte aber nicht ständig ihr eigenes Recht. Ihr Gehorsam war deshalb weniger Ausdruck von Willensschwäche als von Selbstbeherrschung und Rücksichtnahme.

Fleißig, hilfsbereit und opferbereit

Nach dem Tod ihres Vaters Luigi im Mai 1900 musste Maria schon als Kind einen großen Teil der häuslichen Verantwortung übernehmen. Während Assunta auf den Feldern arbeitete, versorgte Maria die jüngeren Geschwister, kochte, reinigte das Haus und kümmerte sich um die Kleidung. Das Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse nennt Freundlichkeit, Großzügigkeit und Reinheit des Herzens als charakteristische Züge ihres Wesens.

Ihre Hilfsbereitschaft beschränkte sich nicht auf die Erfüllung übertragener Aufgaben. Maria fühlte sich für ihre Geschwister verantwortlich, lehrte sie beten und korrigierte sie, wenn sie der Mutter nicht gehorchten. Die jüngeren Kinder suchten bei ihr sogar Zuflucht, wenn sie von Assunta ausgescholten worden waren.

Zu diesem Charakterbild gehört auch ihre Opferbereitschaft. Die Überlieferung berichtet davon, dass sie angesichts der großen Armut der Familie eigene Bedürfnisse zurückstellte und auch beim Essen verzichtete, damit für die Geschwister genügend vorhanden war.

Ein Glaube, der zum Charakter gehörte

Marias Frömmigkeit war kein von ihrem Alltag getrennter Bereich. Nach dem Zeugnis ihrer Mutter war sie tief religiös, betete regelmäßig und brachte auch ihren Geschwistern das Gebet bei. Vatican News beschreibt Gebet und Rosenkranz als selbstverständliche Bestandteile ihres Lebens.

Besonders wichtig war ihr die Erstkommunion. Mehrere Überlieferungen bewahren ihre wiederholte Frage, wann sie endlich zur Kommunion gehen dürfe. Nach der Erstkommunion soll sie ihrer Mutter versprochen haben, noch besser zu werden.

Ihre Gottesliebe lässt sich dabei kaum von ihrer Nächstenliebe trennen. Sie zeigte sich nicht in außergewöhnlichen mystischen Erfahrungen, sondern zunächst im Alltag: in der Sorge für die Geschwister, im Gehorsam gegenüber der Mutter, im Verzicht und in der Bereitschaft, anderen Arbeit abzunehmen.

Mut und Vergebung

Am deutlichsten trat Marias Charakter schließlich während ihres Martyriums hervor. Das Bild des stillen und folgsamen Mädchens darf gerade hier nicht zu einem Bild der Passivität werden: Maria wehrte sich. Sie widersetzte sich Alessandro Serenelli mit großer Entschiedenheit und nahm schwere Verletzungen in Kauf.

Doch ebenso charakteristisch ist das, was danach geschah. Auf dem Sterbebett erklärte sie, Alessandro zu vergeben und ihn bei sich im Paradies haben zu wollen. Das offizielle Dikasterium für die Heiligsprechungsprozesse stellt gerade dieses Wort in den Mittelpunkt seiner Darstellung: „Aus Liebe zu Jesus“ vergebe sie ihm.

Hier scheint sich vieles zu bündeln, was bereits vorher ihren Charakter geprägt hatte: Entschlossenheit ohne Härte, Selbstbeherrschung ohne Schwäche, tiefer Glaube ohne Weltfremdheit und Opferbereitschaft ohne Selbstbezogenheit.

Maria Goretti erscheint damit nicht einfach als ein stilles und gehorsames Mädchen. Sie war lebhaft und temperamentvoll, zugleich bescheiden und zurückhaltend; mutig und willensstark, zugleich gehorsam; fleißig, hilfsbereit und zu großen persönlichen Opfern bereit. Gottesliebe und Nächstenliebe bildeten dabei keine Gegensätze. Gerade in der Sorge um ihre Familie, in ihrem Verzicht, in ihrer Standhaftigkeit und schließlich in ihrer Vergebung wurde sichtbar, was ihren Charakter im Innersten bestimmte.

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