Maria Goretti und Theresia von Lisieux – Heiligkeit im Verborgenen

Maria Goretti (1890–1902) und Theresia vom Kinde Jesus (1873–1897) gehören derselben Epoche an. Als Theresia 1897 im Karmel von Lisieux starb, war Maria Goretti knapp sieben Jahre alt. Beide lebten also in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, allerdings in sehr unterschiedlichen Welten: Theresia wuchs in einer religiös geprägten französischen Bürgerfamilie auf und trat bereits mit fünfzehn Jahren in den Karmel ein; Maria entstammte einer armen italienischen Bauernfamilie und konnte aufgrund der wirtschaftlichen Not die Schule nicht besuchen.

Trotz dieser Unterschiede gibt es eine bemerkenswerte Gemeinsamkeit: Bei beiden liegt die Heiligkeit zunächst im Unscheinbaren. Weder Theresia noch Maria wurde vor allem wegen spektakulärer äußerer Werke bekannt. Theresias „kleiner Weg“ besteht gerade darin, die gewöhnlichen und kleinen Dinge des Alltags aus Liebe zu Gott zu tun. Papst Franziskus hebt hervor, dass ihr mystisches Leben grundsätzlich ohne außergewöhnliche Phänomene auskam und sich ihre Liebe in den einfachsten Dingen des täglichen Lebens zeigte.

Auch Maria Gorettis Leben war bis zu seinen letzten Tagen äußerlich wenig außergewöhnlich. Sie führte den Haushalt, kümmerte sich um ihre jüngeren Geschwister, betete und half ihrer Familie. Johannes Paul II. bezeichnete ihren Glauben als „einfach, aber tief“. Erst durch den Angriff Alessandro Serenellis und ihre Reaktion darauf trat etwas hervor, was zuvor weitgehend verborgen geblieben war: die Entschiedenheit ihres Glaubens und schließlich die Vergebung gegenüber ihrem Mörder.

Eine weitere Verbindung ist die Liebe zur Reinheit und Jungfräulichkeit, auch wenn sie sich unterschiedlich ausdrückte. Theresia lebte sie als Karmelitin innerhalb ihrer völligen Hingabe an Christus. Bei Maria wurde die Reinheit aufgrund ihres Martyriums zu einem bestimmenden Element ihrer späteren Verehrung; Pius XII. bezeichnete sie als „Märtyrerin der Reinheit“. Dabei betonte die kirchliche Deutung zugleich, dass ihre Haltung aus einem umfassenderen christlichen Leben von Gebet, Pflichtbewusstsein und Liebe hervorging.

Es gibt jedoch einen wichtigen Unterschied: Theresia konnte ihre Spiritualität selbst auslegen. Ihre autobiographischen Schriften erlauben einen ungewöhnlich tiefen Einblick in ihr geistliches Leben. Daraus entwickelte sich der „kleine Weg“ des Vertrauens und der geistlichen Kindschaft, der sie schließlich sogar zur Kirchenlehrerin werden ließ. Maria Goretti hinterließ dagegen keine geistlichen Schriften. Was wir über ihr Innenleben wissen, stammt aus Erinnerungen ihrer Familie, Zeugenaussagen und den späteren Selig- und Heiligsprechungsakten.

Gerade deshalb ist der Vergleich reizvoll: Theresia beschreibt selbst die Heiligkeit des Kleinen; Maria Goretti scheint sie gelebt zu haben, ohne sie beschreiben zu können. Bei Theresia wird aus einem verborgenen Klosterleben eine ausgearbeitete geistliche Lehre. Bei Maria bleibt ein verborgenes bäuerliches Alltagsleben zurück, dessen Tiefe sich erst in den letzten Stunden ihres kurzen Lebens deutlich zeigt.

Beide erinnern damit auf unterschiedliche Weise daran, dass christliche Heiligkeit nicht notwendig im Außergewöhnlichen bestehen muss. Theresia formulierte daraus einen geistlichen Weg; Maria Goretti wurde durch ihr Leben und Sterben selbst zu einem Beispiel dafür.

Zu Theresia von Lisieux gibt es gleich drei wichtige deutschsprachige Websites:

theresienwerk.de, theresevonlisieux.de und theresia-lisieux.com

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Maria Gorettis Charakter – lebhaft, mutig und von tiefer Güte

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Maria Goretti und Gemma Galgani – zwei Heilige derselben Zeit