Maria Goretti - Heilige und Märtyrerin
„Die hl. Maria Goretti war ein Mädchen, dem der Geist Gottes den Mut verliehen hat, bis zum höchsten Opfer ihres Lebens der christlichen Berufung treu zu bleiben. Ihr jugendliches Alter, der Mangel an Schulbildung und die ärmlichen Verhältnisse, in denen sie lebte, hinderten die Gnade nicht daran, ihre Wunder an ihr erkennbar werden zu lassen. Im Gegenteil, vor allem unter diesen Umständen zeigt sich deutlich die Vorliebe Gottes für bescheidene, demütige Menschen. Es fallen uns die Worte Jesu ein, mit denen er den himmlischen Vater preist, der sich den Unmündigen geoffenbart hat, wohingegen er den Weisen und Klugen verborgen bleibt (vgl. Mt 11, 25). “
Foto von Maria Goretti - digital restauriert
Maria Goretti (1890–1902)
Kindheit und Familie
Maria Goretti wurde am 16. Oktober 1890 in Corinaldo bei Ancona als Tochter von Luigi Goretti und Assunta Carlini geboren. Sie war das dritte von sieben Kindern einer armen Bauernfamilie; ihr ältester Bruder Antonio war bereits im Kleinkindalter gestorben. Ihre Geschwister waren Antonio, Angelo, Mariano (auch Marino), Alessandro, genannt Sandrino, Ersilia und Teresa. Am folgenden Tag wurde sie in der Pfarrkirche San Francesco auf den Namen Maria Theresia getauft; mit dem zweiten Namen wurde sie jedoch wohl nicht gerufen, man nannte sie meist Maria oder Marietta.
Glaube und Alltag in Le Ferriere
Im Herbst 1896 zog die Familie zunächst nach Colle Gianturco bei Paliano, im Winter 1899 dann weiter nach Le Ferriere, südlich von Rom bei Nettuno. Dort hatte sie neues Land gepachtet und musste unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen ihren Lebensunterhalt durch Feldarbeit bestreiten. Zusammen mit der Familie des Witwers Giovanni Serenelli und dessen Sohn Alessandro bewohnten die Gorettis das Gehöft „La Cascina Antica“ (die alte Meierei) und bewirtschafteten das Land gemeinsam. Im folgenden Jahr, am 6. Mai 1900, starb Mariettas Vater im Alter von einundvierzig Jahren an Malaria.
Von da an übernahm Marietta, obwohl selbst noch ein Kind, einen großen Teil der Sorge für ihre jüngeren Geschwister und den Haushalt, während ihre Mutter und die älteren Geschwister auf dem Feld arbeiteten. Trotz der Armut der Familie bereitete sie sich mit großem Ernst auf die Erstkommunion vor, die sie - nach dem Zeugnis ihrer Mutter - am 29. Mai 1902 empfing (vgl. dazu Vinzenz Ruef: Maria Goretti, S. 42). Da die Familie die dafür nötige Ausstattung kaum bezahlen konnte, sollen Nachbarn einzelne Teile beigesteuert haben.
Der Angriff und Maria Gorettis Tod
Der zwanzigjährige Alessandro Serenelli begann im Juni 1902, der elfjährigen Marietta wiederholt nachzustellen und sie sexuell zu bedrängen. Maria wies seine Annäherungen entschieden zurück. Alessandro hatte sie dabei bedroht, weshalb sie zunächst niemandem von den Vorfällen erzählte.
Am 5. Juli 1902, während die übrigen Familienmitglieder auf dem Feld arbeiteten, versuchte Alessandro erneut, Maria zum Geschlechtsverkehr zu zwingen. Als sie sich widersetzte, verletzte er sie mit einem langen Pfriem durch zahlreiche Stiche schwer. In den Quellen ist gewöhnlich von vierzehn Stichverletzungen die Rede; einzelne Darstellungen berichten von weiteren Stichen, als Maria noch zur Tür zu fliehen versuchte. Den späteren Aussagen zufolge warnte sie Alessandro während des Angriffs vor der Sünde und ihren Folgen: „Nein! Nein! Gott will das nicht! Wenn du das tust, kommst du in die Hölle!.“
Maria wurde in das Krankenhaus der barmherzigen Brüder in Nettuno gebracht und dort notoperiert. Da eine Narkose wegen ihres Zustands als zu gefährlich angesehen wurde, musste der Eingriff ohne Betäubung vorgenommen werden. Ihre Verletzungen waren jedoch tödlich. In ihrer Aussage gegenüber den Behörden berichtete sie auch von früheren Annäherungsversuchen und Drohungen Alessandros.
Am folgenden Tag, dem 6. Juli 1902, empfing sie die Sterbesakramente. Auf die Frage, ob sie Alessandro vergebe, erklärte sie: „Ich verzeihe ihm, ich will ihn bei mir im Paradies haben.“ Wenig später, um 15:45, starb Maria Goretti im Alter von elf Jahren und acht Monaten.
Alessandro Serenelli: Haft, Reue und Vergebung
Alessandro Serenelli wurde wegen Mordes zunächst zu lebenslanger Haft verurteilt; aufgrund seiner Minderjährigkeit wurde die Strafe auf dreißig Jahre herabgesetzt. Bei der Beurteilung seiner Persönlichkeit spielten auch seine schwierigen familiären Verhältnisse eine Rolle. Die gelegentlich verbreitete Behauptung, eine Fürbitte von Mariettas Mutter habe ihn vor der Todesstrafe bewahrt, ist historisch nicht haltbar: Die Todesstrafe für gewöhnliche Verbrechen war im Königreich Italien bereits mit dem Strafgesetzbuch von 1889 abgeschafft worden.
Während seiner Haft zeigte Alessandro zunächst wenig Reue. Einige Jahre später setzte ein innerer Wandel ein, bei dem auch ein Besuch des Bischofs Giovanni Blandini eine Rolle gespielt haben soll. Besonders bekannt wurde die Erzählung von einem Traum, in dem ihm Marietta erschien und Blumen bzw. Lilien reichte.
Nach etwa 27 Jahren Haft wurde Alessandro Ende der 1920er Jahre vorzeitig entlassen. Anschließend suchte er Assunta Goretti auf und bat sie um Vergebung. Sie gewährte sie ihm mit dem Hinweis, wenn ihre Tochter ihm vergeben habe, könne auch sie ihm die Vergebung nicht verweigern. Beide besuchten danach gemeinsam die Messe und empfingen die Kommunion. Alessandro verehrte Maria fortan als Heilige und soll täglich zu ihr gebetet haben. Später schloss er sich dem franziskanischen Dritten Orden an und lebte schließlich bei den Kapuzinern, wo er als Gärtner und Pförtner tätig war. Er starb am 6. Mai 1970 im Alter von 87 Jahren im Kapuzinerkloster von Macerata.
Selig- und Heiligsprechung
Die Verehrung Maria Gorettis verbreitete sich rasch, wobei insbesondere die Passionisten zu ihren Förderern gehörten. In der kirchlichen Deutung stand ihr Tod im Zeichen des Martyriums für die christliche Reinheit, zugleich gewann ihre Vergebung gegenüber ihrem Mörder eine zentrale Bedeutung.
Am 27. April 1947 wurde Maria Goretti von Papst Pius XII. seliggesprochen. Ihre Mutter Assunta nahm an der Feier teil – ein außergewöhnlicher Vorgang, da sie die Seligsprechung ihrer eigenen Tochter erlebte. Pius XII. soll sie mit den Worten begrüßt haben: „Selige Mutter, glückliche Mutter, Mutter einer Seligen!“ Alessandro Serenelli war weder bei der Selig- noch der Heiligsprechung Maria Gorettis anwesend, obwohl dies zuweilen so dargestellt wurde (vgl. dazu Vinzenz Ruef: Maria Goretti, S. 115-116).
Die Heiligsprechung erfolgte am 24. Juni 1950 wiederum durch Pius XII. auf dem Petersplatz im Beisein von Mariettas Mutter und einer außergewöhnlich großen Menschenmenge. Zeitgenössische Angaben sprechen von mehreren hunderttausend Gläubigen; Pius XII. selbst hob hervor, dass keine frühere Kanonisierung einen vergleichbaren Zustrom erlebt habe. Wegen des großen Andrangs wurde die Feier auf dem Petersplatz abgehalten und stellte damit auch hinsichtlich ihrer äußeren Form ein außergewöhnliches Ereignis dar. Der Papst bezeichnete Maria Goretti als „die heilige Agnes des 20. Jahrhunderts“.
Verehrung, Patronate und Grabstätte
Maria Goretti zählt zu den jüngsten kanonisierten Heiligen der katholischen Kirche. Ihr liturgischer Gedenktag ist ihr Todestag, der 6. Juli; 1969 wurde er in den römischen Generalkalender aufgenommen. Sie gilt unter anderem als Patronin der Jugend und wird besonders im Zusammenhang mit sexueller Gewalt, Keuschheit und Vergebung angerufen.
Ihre sterblichen Überreste ruhen im Santuario di Nostra Signora delle Grazie e di Santa Maria Goretti in Nettuno. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung handelt es sich nicht um einen unverwest erhaltenen Leib. Die Gebeine befinden sich in einer Wachsfigur, die in einem Glasschrein zur Verehrung ausgestellt ist.
Kritik und Erwiderung
Die traditionelle Deutung Maria Gorettis als „Märtyrerin der Reinheit“ wird heute teilweise kritisch diskutiert. Eine eigene Unterseite stellt die Argumente der Kritik und die Erwiderungen darauf gegenüber.
Hier können Sie mehr zur Kritik und zur Erwiderung darauf erfahren
Lebensdaten
Geburt: 16.10.1890 in der Gegend von Pregiagna bei Corinaldo
Taufe: 17.10.1890 in der Pfarrkirche zu Corinaldo
Firmung: 4.10.1896 in Corinaldo
Erstkommunion: 29.5.1902 in Conca (heute Borgo Montello)
Tödliche Verletzung: 5.7.1902 in Le Ferriere
Tod: 6.7.1902 in Nettuno
Grablegung: 8.7.1902 in Nettuno
Erhebung der Gebeine: 26.1.1929
Seligsprechung: 27.4.1947
Heiligsprechung: 24.6.1950
Literatur
Dikasterium für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse: „Santa Maria Goretti“; abgerufen am 31. August 2026.
Ökumenisches Heiligenlexikon: „Maria Goretti“; abgerufen am 31. August 2026.
Johannes Paul II.: „Botschaft an den Bischof von Albano aus Anlaß des 100. Todestages der Hl. Maria Goretti“, 6. Juli 2002. Vatican.va.
Lüthold, Ida: Maria Goretti. Ars Sacra, München 1957.
Pera, Isabella: „Maria Goretti, santa“, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 70, Rom 2008. Treccani.
Pius XII.: Ansprache an die zur Heiligsprechung der hl. Maria Goretti in Rom versammelten Gläubigen, 24. Juni 1950. Vatican.va.
Pius XII.: In sollemni canonizatione Beatae Mariae Goretti, Virginis et Martyris, Predigt anlässlich der Heiligsprechung, 24./25. Juni 1950. Vatican.va.
Ruef, Vinzenz: Die wahre Geschichte der heiligen Maria Goretti. Überarb. Aufl., Miriam-Verlag, Jestetten 2013.
Spiecker, Rochus: La Ferriere im Sommer 1902: Die Geschichte von Gott und Maria Goretti. Verlag Bonner Buchgemeinde, Bonn 1954.
Vatican News: „St. Maria Goretti, Virgin and Martyr“; abgerufen am 31. August 2026.
Volpert, Assumpta: Die heilige Maria Goretti. Steyler Verlagsbuchhandlung, Kaldenkirchen 1950.